Obama begann den Wahlkampf zur Wiederwahl mit einem regelrechten “Shock and Awe”-Polit-Großangriff: Der Präsident und Vize Biden hielten gleichzeitig am Donnerstag Reden vor Anhängern. Obama gab sich eher ätzend gegenüber seinen Republikaner-Rivalen. Er nannte keine Namen, doch rückte die Opposition in die Nähe mittelalterlicher Leugner, wonach die Erde rund sei. Biden hielt sich weniger zurück: Ein Republikaner im White House würde die Mittelklasse “ausbluten”, warnte er in einer energischen Rede.

Das Herzstück des Kampagnenstarts war jedoch ein am Abend präsentierter, 17 Minuten langer Dokumentationsfilm über Obamas bisheriges Wirken, verfilmt vom Oscar-gekrönten Hollywood-Starregisseur Davis Guggenheim. Zusätzliches Vertrauen sollte die allbekannte, sympathische Stimme des “Erzählers” Tom Hanks bringen. Auch wenn der Film mitunter ins pathetische wegen der ungebremsten Obama-Lobhudelei abdriftet, dient er als gelungene Erinnerung an das Erbe, das Obama bei der Inauguration vor 1,7 Millionen an der Washingtoner “Mall” im Jänner 2009 antrat.

Die Welt schlitterte gerade in einen der schlimmsten Wirtschafte-GAUs aller Zeiten, das erste Briefing in Obamas Übergangsbüro in Chicago vor dem Amtsantritt war wie ein “Horrorfilm”, so Berater David Axelrod: Nichts als alarmierende Daten, die Ökonomen so noch nie gesehen hatten. Obama konnte die Apokalypse abwenden, lobt der Film, über drei Millionen Jobs wurden wieder geschaffen.

Einer seiner größten Coups wurde freilich die Rettung Detroits, die sicher zum Wahlkampfschlager im Herbst werden wird. Entgegen dem Rat der meisten Berater und selbst Parteifreunden schnürte Obama ein Rettungspaket, während Mitt Romney in einer Zeitung damals schrieb: “Lasst Detroit pleite gehen…” Zuletzt meldete GM Rekordprofite, ein Riesenerfolg für das White House.

Überhaupt soll Obama in dem Film als Mann portraitiert werden, der lieber eine hohes Risiko eingeht bei der Suche nach langfristigen Lösungen als politisch opportune Pflaster zu kleben. Als die Gesundheitsreform im hysterischen Sperrfeuer der “Tea Party” zu scheitern drohte, gab er sich trotz Anraten selbst seines Stabschefs Rahm Emanuel nicht mit einem Teilerfolg zufrieden, sondern boxte die Versicherungspflicht für alle US-Bürger durch. Die andauernde Debatte darüber ist nun eine seiner grölten Achilles-Fersen im Wiederwahlkampf.

Ähnlich hoch war das Risiko vor dem Bin-Laden-Kommando: Obama fragte jeden Sicherheitsberater im “Situation Room”-Bunker nach ihrer Meinung, fast alle schätzten die Erfolgschancen auf 50 zu 50 ein. Ein Fiasko hätte aus Obama mit Garantie einen neuen Jimmy Carter gemacht. Dennoch fliegen in der nächsten Szene die Kampfhelikopter.

Die Erinnerungen an die Obama-Erfolge ist seitens seiner Kampagnen-Führung nötig im Klima immer hektischerer Newszyklen und dumpfer Propaganda der Rechten. Ausgelassen wurden natürlich die Flops, die vor allem Obamas linke Basis erzürnten: “Guantanamo Bay” ist weiterhin ein völkerrechtswidriger Terrorknast, keinem der Wall-Street-Verantwortlichen des 2008-Crash machte sein US-Justizministerium den Prozess, die Finanzbranche hat heute fast das gleiche destruktive Potential wie damals. Auch beim Immobilienmarkt schafften Obama & Co keine Wende. Die Staatsverschuldung klettert mit über 100 % des BIP in eine Gefahrenzone griechischer Dimensionen. Auch ließ sich Obama von den Generälen den nun endgültig gescheiterten “Surge” in Afghanistan aufschwatzen. Ein Mehrheit der Bürger sieht Amerika weiter auf falschem Kurs.

Doch insgesamt dürfte Obamas Bilanz zur Wiederwahl reichen, er hat die besseren Argumente als seine Rivalen: Obama erzählt von einem “Comeback Amerika”, während sich Romney, Santorum und Gingrich in apokalyptischem Untergangsszenarien übertreffen.